Es lebe die Zwickmühle!

Zwickmühlen sind für mich Stress.

Ein bisschen Stress, wenn es kleine sind und mächtiger Stress, wenn es große sind. Dabei spielt die objektive Wichtigkeit eigentlich gar keine so große Rolle. Besonders schlimm sind Zwickmühlen dann, wenn mir beide Alternativen ähnlich wichtig sind und mir nichts und niemand die Entscheidung abnehmen kann.

Ein paar Beispiele aus der letzten Zeit gefällig?

Kind 1 ruft nach Essbarem. Dauert noch etwas, aber die Pfanne läuft schon mal heiß. Eigentlich müsste ich dringend noch ein Elterngespräch führen – ich bin schon deutlich hinterher vereinbarten zeit für den Anruf. Während ich noch so überlege, ob es unhöflich wäre, beim Kochen zu telefonieren, da schreit Kind 2 aus dem Bad. Überschwemmung. Land unter.

Die Auflösung der Zwickmühle war erst mal recht einfach: Pfanne vom Herd, Überschwemmung gemeinsam beseitigen, schnell ein Brot schmieren und dann die Mutter anrufen. Alle erst mal versorgt.

Bei manchen Zwickmühlen, da geht es aber nicht so leicht. Da gibt es keine potenzielle Gefahrensituation, die die Priorität vorgibt. Da muss ich dann ganz allein entscheiden, was mir jetzt gerade wichtig ist. Und – OH BOY – das nervt mich manchmal. Also so richtig. Vor allem, wenn gleich mehrere meiner wirklich wichtigen Werte betroffen sind.

 

Noch ein Beispiel gefällig?

Hier läuft schulisch gerade die Hölle heiß. Also gefühlt so richtig: Die Schülerinnen und Schüler stehen unter Strom, denn so viel Leistungsnachweise gibt es sonst nie wie zwischen Ostern und Pfingsten. Wie gerne würde ich ihnen den Druck ein wenig herausnehmen. Gleichzeitig stehen die “Mai-Mitteilungen” an – Schülerinnen und Schüler, die gefährdet sind, das Schuljahr nicht zu bestehen, bekommen einen Brief nach Hause geschickt. Stress für die Schülerinnen und Schüler, zusätzlicher Aufwand für Lehrkräfte (Es ist nämlich nicht so, als hätten wir erst letzte Woche einen ausführlichen aktuellen Leistungsstand ausgegeben). An meiner Schule startet diese Woche die Externe Evaluation. Es kommen also Leute von außen, schauen sich unsere Schule in ihrer Ausstattung, unserem Unterricht, unseren Strukturen an. So viel Hoffnung wie ich auch in diese Evaluation setze, damit endlich längst überfällige Veränderungsprozesse in Gang kommen, so merke ich doch auch, dass die geplanten Unterrichtsbesuche und die angesetzten Interviews am Nachmittag durchaus eine Zusatzbelastung darstellen. Dann warten in der nächsten Zeit noch Fachkonferenzen und Konferenzen zur Vorbereitung der Abschlussprüfung. Privat herrscht wie immer das trubelige Wirrwarr mit zwei wunderbaren Kindern. Mein Herzensthema führt mich nach Köln und irgendwo dazwischen möchte ich auch gerne mal in Ruhe duschen, schlafen, atmen. Essen vielleicht auch. Und mitten in dieses: “Eieiei, da müssen wir jetzt ganz schön planen.” kommt dann noch die Nachricht, dass eine Fortbildung als Pflichtveranstaltung angesetzt wird. Mitten in Zeiten, in denen die Kolleginnen und Kollegen sowieso und auch ohne weitere private Aufgaben schon genug mit und an Schule zu tun haben.

Bitte, nicht falsch verstehen: Ich liebe Fortbildungen und bilde mich ständig weiter. Ich verstehe nur nicht, wieso Fortbildungen in solche Zeiten hinein geplant werden. Wäre es nicht viel klüger, mit wichtigem Input zu warten, bis die Zuhörer und Zuhörerinnen wieder aufnahmebereit sind, weil nicht schon 27 weitere Tabs im Hirn offen sind?

 

Meine Zwickmühle?

Ich würde diese Gedanken gerne teilen. Zum Nachdenken anregen. Aber warum will ich das gerne tun?

Bevor ich direkt meine Schulleitung kontaktiert habe, durfte ich mir erst einmal für mich klar werden, was mir eigentlich gerade eine Zwickmühle bereitet. Die Fortbildung, die mich an und für sich ja interessiert, ist es eher nicht.

Wenn ich in mich hineinspüre, dann merke ich, welche Werte aktiv sind:

  • mein Wunsch nach Selbstbestimmung
  • mein Wunsch nach Wertschätzung – für mich und für mein Kollegium allgemein
  • mein Wunsch nach Ruhe

 

Ich möchte gerne selbst entscheiden dürfen, wann ich etwas tue. Ob ich etwas tue. Vor allem in Zeiten, in denen mir viel durch äußere Bedingungen vorgegeben wird. Ich wünsche mir, dass gesehen wird, wie viel wir Lehrkräfte leisten. Dass anerkannt wird, dass das was wir tun genug ist. Dass nicht selbstverständlich noch eine Schippe drauf gelegt wird, weil das eben jetzt gemacht werden muss. Und ich sehne mich nach Ruhe. Nach der Möglichkeit, durchzuatmen. Damit ich mich dann wieder auf Neues einlassen kann. Und ich merke, dass die hohe Schlagzahl, die dazu führt, dass ich mir Erholung wünsche, dazu führt, dass ich eben nicht mehr offen bin – und möge der Input noch so wertvoll sein.

 

Und da wurde mir klar, dass diese Zwickmühle mal wieder eine Lernchance war. Oder zumindest eine Erinnerung. Denn wenn es mir so geht, wieso sollte es Schülerinnen und Schülern nicht so gehen? Deswegen öffne ich für eine meiner Klassen den Raum wieder für ein Projekt, an dem sie jetzt mehrere Wochen selbständig arbeiten dürfen. Ich werde diese Woche bewusst nutzen, um mit meinen Schülerinnen und Schülern zu sprechen, was sie gerade brauchen. Und ich werde den Druck und die Geschwindigkeit rausnehmen. Für mich und für die Menschen, die da vor mir sitzen.

Und zu guter Letzt werde ich genau das mit meiner Schulleitung besprechen. Wenn die Zeiten nicht mehr ganz so anstrengend sind. Wenn unser aller Zustand so ausgeglichen ist, dass ein reflektiertes Gespräch möglich wird.

 

Und so feiere ich heute meine Zwickmühlen. Die Erkenntnisse, die sie mir erlauben. Die Ruhe, die es mit sich bringt, wenn ich endlich ein bisschen genauer weiß, warum ich mich überhaupt daran gestört habe. Die Wegweiser, die sie mir für mein künftiges Handeln bereitstellen. Und die Verbindung mit meinen Schülerinnen und Schülern, die ich viel stärker fühle, wenn mir jetzt erst mal klar wird, was gerade auch auf ihren Schultern lastet.

 

Und welche Zwickmühlen beschäftigen dich gerade?