Mutausbruch – TEIL 1: Wie man sitzt, so lernt man
Kurz vorweg: In den Beiträgen dieser Reihe erwarten dich Informationen zu:
Welche Schritte aus der „alten Kiste“ meines Unterrichts habe ich unternommen? Wie hat sich mein Unterricht im letzten halben Jahr verändert, was davon darf bleiben und was muss gehen? Welche Stellschrauben müssen noch nachjustiert werden? Und natürlich: Was kommt da noch? Wo wird weiter „outside the box“ gedacht? Außerdem natürlich auch ein paar Tipps und Tricks, falls du dich auf einen ganz ähnlichen Weg machen möchtest.
Lange habe ich Ideen gesammelt, wie ich meinen Unterricht umstrukturieren möchte. Gebunden in 45-Minuten-Zeitraster. Nach wie vor vorwiegend klassische Leistungsmessungen an unserer Schule. Der Wunsch, es endlich anders zu machen – wenn nötig, dann eben allein.
Der große Vorteil an meiner Schule: Jede Lehrkraft hat ihren eigenen Raum – bis auf wenige Ausnahmen. Da ich letztes Schuljahr nur wenige Stunden in Teilzeit unterrichtet habe, sollte ich mir eigentlich ein Klassenzimmer mit einer Kollegin teilen. Diese schätze ich sehr. Und unsere Arbeitsweisen unterscheiden sich grundlegend. Keine gute Ausgangssituation. So bekam ich einen Raum in unserem vergessenen Altbau.
In einer Wochenendaktion richtete ich den Raum mit meinem Mann in Eigenregie wieder ansehnlich her: Löcher spachteln, streichen. Der erste Schritt war getan. Und der war wichtig, denn:
Lernen funktioniert am besten in einer Umgebung, in der ich mich wohlfühle.
Und der erste Eindruck eines Raums gehört zu der Wohlfühlatmosphäre definitiv dazu.In den Sommerferien durchforstete ich Kleinanzeigen. Schließlich zogen ein rotes Sofa und ein roter Sitzsack ins Klassenzimmer. Zusätzlich kamen Regale dazu, Unmengen an Büchern, Pflanzen, Sitzkissen.(Bis heute noch nicht eingezogen sind die Hocker vom Schweden, die ich bereits gekauft habe: Noch herrscht nicht genügend Platz.) Wozu das alles?
Individuelles Lernen braucht individuelle Sitzmöglichkeiten.
Welche Sitzmöglichkeiten haben sich in diesem Schuljahr bei mir bereits umsetzen lassen?
Einzelarbeitstische: Hier können Schülerinnen und Schüler alleine arbeiten. Diese finden sich an den Seiten des Raums – mit Blick nach außen, um Ablenkungen so gering wie möglich zu halten. Einige Tische stehen auch mit Blick nach vorne. Da ich meinen Arbeitsplatz nach wie vor klassische vorne im Raum habe (das ließ sich dank Kabelanschlüssen nicht anders regeln), hat sich diese Sitzreihe zu der entwickelt, in der Schülerinnen und Schüler sitzen, die eine enge Unterstützung wünschen. Auch das schwankt im Laufe der Zeit: Mal sitzen mehr „bei mir“, mal weniger. Manchmal geht es ihnen um fachliche Hilfe, viel öfter aber ist es Kontaktaufnahme und Beziehung, die sie in diese erste Reihe zieht.
Anmerkung: Ich bewege mich mehr durch den Raum, als vorher. Gleichzeitig ist mein Pult meine Basis. Von hier habe ich das Zimmer im Blick und meine Schülerinnen und Schüler wissen, wo sie mich finden und sie haben den Eindruck, dass ich sie „machen lasse“, ihnen vertraue, wenn ich hier sitze und maximal beobachte.
Partnertische: Im Klassenraum gibt es Kombinationen zu Partnertischen. Diese werden gerne von Schülerinnen und Schülern genutzt, um sich zu besprechen und gleichzeitig von den anderen abzugrenzen.
Gruppentische: An Tischen von 4 bis 6 Personen arbeiten die Lernenden kollaborativ. Die Tische laden zum Austausch ein – es „kann“ an ihnen gar nicht still bleiben. Für manche Lehrkräfte ein Horror, für mich ein Geschenk. Die Schülerinnen und Schüler profitieren sehr voneinander und man merkt, wie gut es ihnen tut, wenn sie sich von anderen gesehen fühlen: Immerhin lässt sich ein eigener Gedanke in einer Kleingruppe viel besser unterkriegen, als im Frontalunterricht mit einer ganzen Klasse.
Lümmelecke: Couch und Sitzsack sind der Ort, an dem es oftmals ganz bewusst nicht um Inhalte geht. Oder maximal ums Vokabellernen. Hier wird gequatscht, Tee getrunken (die Tee-Ecke ist direkt daneben), eine Auszeit genommen und Raum für Beziehungen geschaffen.
Sitzkissen: Es stehen ein paar Sitzkissen zur Verfügung, die dynamisches Sitzen erleichtern, und an jedem Sitzplatz eingesetzt werden dürfen. Einige Lernende haben sie für sich entdeckt und nutzen sie in jeder Unterrichtsstunde. Ihre Rückmeldung: „Tut mir gut.“ Auftrag erfüllt, würde ich sagen.
Befürchtungen im Vorfeld gab es natürlich: Was, wenn sich alle nur auf die Couch stürzen? Was, wenn es viel zu laut wird? Was, wenn die Schülerinnen und Schüler sich gar nicht auf die flexiblen Möglichkeiten einlassen? Was, wenn wir starre Regeln brauchen, damit kein Chaos ausbricht? Was, wenn die Lernenden dann gar nicht lernen?
Zwischenstand:
Es hat sich eine Dynamik eingestellt, die sehr schön zu beobachten ist: Die Einzeltische an den Seiten sind „heilig“. Schülerinnen und Schüler, die dort arbeiten, werden in Ruhe gelassen. Die Unterstützungstische, die sich vorne in meiner Nähe befinden, sind Tische, an denen sich die Lernenden gegenseitig unterstützen, sich dabei vor allem auch vermehrt Rückmeldung von mir holen. Die Partnertische dienen dem Austausch von zwei Lernenden. Schülerinnen und Schüler an diesen Tischen benötigen nur wenig Unterstützung von mir. Ebenso verhält es sich bei den Gruppentischen. Diese werden von den Lernenden sehr intuitiv für kollaboratives Arbeiten genutzt – gleichzeitig laden sie auch immer wieder andere ein, mit ihnen Kontakt aufzunehmen und sich gegenseitig zu unterstützen. Couch und Sitzsack dienen dem Rückzug – wenn hier jemand sitzt, wird wirklich freundlich und vorsichtig gefragt, ob man dazukommen darf.
Die Dynamik entstand dabei von ganz alleine – und in allen Klassen gleich. Es brauchte keine festgesetzten Regeln. Diese ergaben sich aus dem Miteinander und der Raumsituation, die natürlich hinsichtlich der Anordnung wohlüberlegt und geplant war.
FAQ:
Ist es laut?
Ja, manchmal. Weniger in „meinen“ Klassen. Die kennen das mittlerweile. Zur Unterstützung nutze ich gerne die Tools zur Unterrichtsorganisation von Klett (unbezahlte und unbeauftragte Werbung), um die Lautstärke mit dem Laustärkemesser sichtbar zu machen. In Vertretungsklassen ist es laut. Sie nutzen alle Möglichkeiten, die sich ihnen im Raum bieten. Schön zu sehen, manchmal schwer auszuhalten. Da bin ich ehrlich.
Wollen alle auf die Couch?
Mal mehr, mal weniger. Eigentlich werden alle Plätze genutzt. Dabei reflektieren die Lernenden erstaunlich gut selbst, was sie wann brauchen. Die Sorgen waren also unbegründet.
Gibt es auch Probleme?
Ja, durchaus. Ein normales Klassenzimmer (mit von Haus aus normaler Struktur und Bestuhlung) bietet keine idealen Voraussetzungen.
Wir lernen gemeinsam nur deshalb so gut, weil wir viel Rücksicht aufeinander nehmen. Und weil meine Klassen zugegebenermaßen recht klein sind. Ein verändertes Arbeiten braucht vor allem veränderte Umgebungen: echte stille Arbeitsplätze, echte Orte für Kollaboration – und das räumlich getrennt und im besten Fall noch digital ausgestattet.
Fazit: Was bleibt, was darf gehen?
Es darf alles bleiben. Für die Zukunft werde ich aber versuchen, noch ein bisschen flexibler auf die Klassensituation einzugehen – damit werden nach und nach vermutlich doch einige Stühle und Tische weichen müssen.
Du willst auch etwas an der Sitzordnung ändern?
- Mach dir Gedanken zu folgenden Fragen: Was ist deine Vision? Wie soll dein Unterricht aussehen? Welche Rolle möchtest du einnehmen? Ich kann dir das Buch „Teach“ sehr empfehlen, wenn du dich da noch ein wenig auf die Reise machen willst. Mir hat es schon manches Mal wieder zu mehr Klarheit verholfen.
- Was brauchst du für dein Vorhaben? Wie müsste der Raum idealerweise gestaltet sein, damit deine Pläne aufgehen? Zeichne dir ein klares inneres Bild davon – nutze vielleicht sogar ein Vision Board, um deine Ziele und ersten Pläne festzuhalten. Ich habe tatsächlich für die einzelnen Bereiche meines Raumes eigene kleine Pinnwände erstellt. So hatte ich direkt immer den Fortschritt meiner Planungen für die Couchecke, Einzeltische, Gruppentische, Aufbewahrung/Raumteiler etc. im Blick.
- Die wenigsten Lehrkräfte können oder wollen eine völlige Umstrukturierung ihres Klassenzimmers ganz aus eigener Tasche finanzieren. Schlimm genug, dass es überhaupt nötig ist, selbst so aktiv zu werden. Ich habe viel bei Kleinanzeigen geschaut und auch Aufrufe in meinen Klassen gestartet: Ganz oft sind Menschen sehr dankbar, wenn sie etwas „für die Kinder“ beisteuern können. Die Couch bekam ich so eine ganze Ecke günstiger als inseriert und manch anderes stellten Eltern von Lernenden zur Verfügung. Prinzipiell lohnt es sich, immer wieder Angebote zu vergleichen und nicht direkt zu kaufen, sondern auch erst einmal abzuwarten. Die Sitzkissen hatte ich beispielsweise echt lange auf meinem Wunschzettel, bis der Preis dann so weit gefallen war, dass ich zuschlagen konnte.
- Nimm dir einen ruhigen Nachmittag Zeit, um Tische und Bänke zu rutschen. Mir ging es so, dass die Planungen auf dem Papier viel einfacher aussahen, als in der Realität. Plötzlich wirkte der Raum weniger offen, als ich das gewollt hatte. Also ging es zurück an die Vision Boards.
- Bleibe offen für Veränderungen. Deine Schülerinnen und Schüler haben sicher auch tolle Ideen. Im Laufe der Zeit werdet ihr Tische vielleicht wieder gemeinsam umstellen wollen. Vielleicht testet ihr auch etwas ganz Neues aus? Bleibt flexibel und freut euch über all die Erfahrungen, die ihr machen könnt.
Die folgenden Produkte haben sich bei mir in der Umsetzung des Flexible Seating bewährt:
Welche Erfahrungen hast du mit verschiedenen Sitzmöglichkeiten im Klassenzimmer bisher gemacht? Lass mich gerne an deinen Gedanken teilhaben.